Acht Monate brauchten die Richter im Prozess gegen die Tauschbörse KaZaA, um zu einem Urteil gegen das einstige P2P-Schwergewicht zu kommen. Das fiel heute: KaZaA wurde verpflichtet, alle Verletzungen von Copyrights zu unterbinden. Für KaZaA ist das wohl das Ende.In der schnelllebigen Welt des P2P ist der Name KaZaA schon fast vergessen: Satt über zwei Jahre liegt es zurück, dass die längst zur Virenschleuder und Pornoklitsche verkommene Tauschbörse unangefochten die Marktführerschaft für sich beanspruchen konnte. Die Nutzer gingen rennen, lang bevor die Musikindustrie mit Klagen in Australien und den USA und gezielten Spamming-Maßnahmen die Börse in die Paralyse trieb.
Vor Gericht wussten Ankläger wie Verteidiger die Richter noch mit Programm-Download- (fast 320 Millionen) und geschätzten Nutzerzahlen (100 Millionen) zu beeindrucken, doch letztlich ist das Schnee von gestern: Längst wurde KaZaA von BitTorrent, eDonkey und anderen überholt und abgehängt.
Für die Industrie ist der Sieg gegen den Angstgegner KaZaA trotzdem ein Grund, die Sektkorken knallen zu lassen. Dass das Gericht in Sydney die Börse nun verdonnerte, binnen nur zwei Monaten sämtliche Copyright-Verstöße in seinem Netzwerk zu unterbinden, schmeckt ihr nach süßer Rache: KaZaA ist in den Augen der Musikbranchen-Vertreter direkt verantwortlich für millionenfache Rechtsverletzungen, millionenschwere Umsatzeinbußen und den Verlust zahlreicher Jobs weltweit.
Auch Gerd Gebhard, Chef der deutschen Phonoverbände, feierte am Montagmorgen das Urteil in einer Pressemitteilung als "wegweisend für die Branche". Zwar seien "in der letzten Zeit" bei KaZaA "Probleme mit Computerviren, Spyware und jugendgefährdenden Inhalten an der Tagesordnung" gewesen, doch habe das Gericht entschieden, dass die Betreiber von KaZaA "verantwortlich für Millionen von Urheberrechtsverletzungen täglich" seien. Das bedeute nicht mehr und nicht weniger, als dass das Angebot illegal ist.
Gebhard: "Das Urteil bedeutet nicht zuletzt einen weiteren Schub für die legalen Internet-Angebote. Wir gehen davon aus, dass illegale P2P-Dienste in Zukunft weniger, legale Angebote noch stärker genutzt werden."
Wovon Gebhard allerdings getrost ausgehen kann, ist dass KaZaA künftig noch weniger genutzt werden wird als in den letzten zwei Jahren. Zwar urteilte das australische Gericht nicht, dass KaZaA ein illegales Angebot sei, die Börse darf darum zunächst auch weitermachen. Richter Murray Wilcox befand jedoch, dass die P2P-Börse vor allem für illegale Zwecke genutzt wird - und zwar mit Wissen ihrer Betreiber.
Die kostet dieser Spruch so einiges: Sie tragen 90 Prozent der Prozesskosten und müssen nun binnen zwei Monaten Filter entwickeln und installieren, die nachhaltig verhindern, dass über KaZaA copyrightgeschütztes Material getauscht wird. Eine neue, um solche Filter erweiterte KaZaA-Software müsse dann forciert an die Nutzer der P2P-Börse verteilt werden.
An exakt der gleichen Auflage war vor einem halben Jahrzehnt schon Napster röchelnd verreckt - trotz aller Versuche, die die Urmutter aller P2P-Börsen mit ihrem damaligen Partner Bertelsmann unternahm, irgendeine attraktive legale Nutzung für die Software zu etablieren. Bei KaZaA dürfte das heute noch schwerer werden: Entzöge man der Börse alle copyrightgeschützten Materialien, blieben letztlich fast nur die "privaten", unter schwerstkriminellen Bedingungen entstandenen Kinderpornos und Viren übrig.
Auch wenn man das heute in so manchem Kommentar anderes lesen wird: Selbst innerhalb der P2P-Szene gibt es so gut wie niemanden, der KaZaA auch nur eine Träne nachweinen wird. Der juristische Blattschuss auf KaZaA ist darum alles andere als ein "Schock für die P2P-Szene", auch wenn die Industrie das vielleicht gern so sehen möchte.
Denn dass dieses Urteil - von KaZaA-Betreiber Sharman als "Teilsieg" bezeichnet, weil die Betreiber selbst bisher nicht in die Haftung genommen wurden - nichts anderes als ein Todesurteil auf Raten bedeutet, steht außer Frage.
Gut möglich, dass das Gericht selbst diesen Prozess noch einmal beschleunigt.
In einer in Kürze zu erwartenden separaten Anhörung soll es um Schadensersatzzahlungen gehen. Ob sich die anonymen Besitzer des KaZaA-/Sharman-Netzwerkes die noch leisten können oder wollen, bleibt abzuwarten.
Man darf sich allerdings fragen, wozu überhaupt. Selbst wenn man noch immer daran glaubte, dass P2P-Netze trotz iTunes und Co in einer irgendwie "legalisierten" Form irgendwann einmal zum lohnenden Geschäft taugten, wäre dieser Zug für das einst populäre KaZaA doch längst abgefahren: Als P2P-Börse, über die Musik und Filme mit auch einmal bekleideten Darstellern getauscht werden könnten, ist KaZaA seit langem so gut wie tot.
Quelle :
www.spiegel.de