Finstere Gestalten in Lederhosen und tief dekolletierte Damen haben das kleine Örtchen Wacken in Schleswig-Holstein erobert. Sie lassen beim legendären Heavy-Metal-Festival sämtliche Konventionen hinter sich. Impressionen einer Schlamm- und Dezibel-Schlacht der Superlative.
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Acht Kilometer vor Wacken endet die Bundesrepublik Deutschland. "Welcome, Metalheads" lautet die internationale Begrüßung an der Einfahrt zum norddeutschen Niemandsland. Grüne Zoll-Busse warten an der Straße auf Gäste, die ein wenig zuviel Alkohol importieren. Weil es sonst Metal-Fans tun würden, haben Ordnungskräfte alle Straßenschilder vorsorglich aus dem Boden gerissen. Schwedische, finnische und britische Bierdosen liegen am Straßenrand. Eine kilometerlange Autoschlange schiebt sich im Schubs-und-Schnarch-Tempo in Richtung des norddeutschen 1800-Seelen-Örtchens, das seit Donnerstag mal wieder zur neutralen Zone unter internationaler Besatzung wurde.
Wacken ist die Heavy-Metal-Hauptstadt der Welt. Bis zu 80.000 Fans der schweren Musik fallen in das Dorf im Westen von Schleswig-Holstein ein, um drei Tage lang über 70 Bands zu hören. Aus Zürich startet seit fünf Jahren ein Sonderzug, der so genannte "Metal Train", in Richtung Wacken. Vor allem aus Schweden rollen ganze Buskolonnen an. Dann gehören schwarze Hemden und Lederhosen zur Pflichtbekleidung; das Zelt wird zur beliebtesten Wohnform weit und breit. Während sich nebenan Getreidehalme friedlich im Wind wiegen und Kühe treudumm vor sich hin kauen, werden Vorgärten mit Metallzäunen gesichert und Dixiklos im Zehnerpack herbeitransportiert.
Filmreif dröhnen
Wer sich vor den finsteren Festivalbesuchern fürchtet, konnte zu Beginn des Jahres aus sicherer Entfernung im Kino miterleben, wie sich Wacken in ein Metal-Mekka verwandelt. Die südkoreanische Filmemacherin Sung-Hyung Cho hatte das Dorf während der vergangenen zwei Festivals besucht und ganz nah an die alteingesessenen Wackener und ihre Gefühle herangezoomt. Ihre Dokumentation mit dem martialischen Titel "Full Metal Village" gewann den renommierten Max-Ophüls-Preis. Unterschiede zu den Vorjahren gibt es kaum, denn das Open Air gehört in Wacken zum Jahreskalender wie Weihnachten oder Ostern.
Auch in diesem Jahr entsteht eine Fressmeile an der Hauptstraße, wo sich die Dorfälteren sonst zum Würfelspielen und Kümmelschnapstrinken treffen oder andächtig vorbeifahrende Autos beobachten, und aus Holsteiner Provinzdörflern werden findige Gastwirte. Kinder haben ihre Fahrräder mit Anhängern ausgestattet und fahren als "Wacken-Express" Bierkisten für vier Euro pro Frachtstück zum Festivalgelände.
Wer nicht in irgendeiner Form bei der Großveranstaltung hilft oder rechtzeitig geflüchtet ist, setzt sich an die Hauptstraße und amüsiert sich über die Gäste, die zur Begrüßung auch gern mal die Hose runter lassen. "Dat hebbt wi allns hatt", das haben wir alles schon gehabt, sagt ein gemütlicher Mittsiebziger im Campingstuhl.
The Sound of Düsenjet
Auf der Bühne startet "Blitzkrieg" den musikalischen Angriff. Drummer Phil Brewis tippt das Fußpedal seines Schlagzeugs leicht nach vorn, es kracht wie bei einem Blitzeinschlag. Donnergrollen dröhnt über Wacken, Trommelsalven schlagen im Sekundentakt in die Weide ein, hundertzwanzig Dezibel, so laut wie ein startender Düsenjet. Muskel- und bierbauchbepackte Kerle und tief dekolletierte Damen kneifen die Augen zu und stürzen sich headbangend hinein ins Menschenmeer.
Frontman Brian Ross testet noch das Mikrofon: "One, two, fuck, one, fuck, fuck." Das Schimpfwort klingt gut, es kann losgehen. Ross röhrt ins Mikrofon, ein akustischer Ausflug in seinen Verdauungstrakt beginnt. Ganz Mutige lassen sich von den Händen der Zuschauermenge nach vorne zur Bühne durchreichen. Wer bei den Ordnern landet, muss sofort wieder verschwinden. Denn ganz gesetzlos ist das Metal-Niemandsland nicht.
Im achtzehnten Jahr seit der Geburt des norddeutschen Musik-Wunders bewegen sich die Schwermetaller zaghaft auf die Zivilisation zu. Weil vermehrt auf Komfort Wert gelegt wird, bot der Veranstalter im Vorfeld des Festivals allen Besuchern ein privates Chemieklo an, inklusive Vorhängeschloss und Schlüssel sowie drei Zwischenreinigungen für nur 120 Euro.
Sauber bleiben
Wesentlich billiger, dafür jedoch umso erlebnisreicher ist eine segensreiche Neuentwicklung im Bereich der Open-Air-Körperpflege, die verhindern soll, dass Muttis Bester nach drei Tagen Wacken nicht wie nach drei Wochen Affengehege stinkt. Der "Prince Body Wash" ist eine Art Autowaschanlage für Menschen. In mehreren Schritten wird der Duschwillige eingeseift, abgespült und zu guter Letzt mit einem Original-Heißluftgebläse aus der Autowaschanlage wieder getrocknet.
Doch eine alte Metal-Weisheit besagt: Echte Heavy-Metaller duschen nicht. Sie grillen lieber und grölen, und wenn sie Druck auf der Leitung haben, stellen sie sich an die Straße. Einfach so. Auch das ist Heavy Metal. Und wenn der Kofferraum leergetrunken ist, wird der lokale Edeka-Höker leergeräumt. Zum Glück gibt's Bierdosen auch als Fünf-Liter-Vorratsausgabe. Und weitsichtige Einzelhändler: "Normalerweise bestellen wir nur einzelne Colakisten. Zum Festival haben wir 400 Stück auf einen Schlag geordert", berichtet Schlecker-Geschäftsführerin Frauke Masuch.
Fünfmal mehr Geld als an normalen Tagen spülen die Metal-Fans in die Kassen des kleinen Lädchens, das normalerweise von einer Kassenkraft behütet wird. Zum Open Air wurde die Belegschaft auf vier Mitarbeiter aufgestockt.
Der Leiter der Volksbank verrät, dass sich einige Besucher aus der Ferne sogar ein Sparkonto in Wacken einrichten, um den Staus an den herkömmlichen Geldautomaten zu entgehen und die Geräte für Hausbankkunden nutzen zu können. Bis zu 300 Heavy-Metal-Fans passen in den örtlichen Edeka-Markt, der Rest steht davor meterlang Schlange und wartet auf die Essensausgabe.
Ansteckend, letztlich harmlos
Die rund 150 Polizisten, die aus der ganzen Region nach Wacken beordert wurden, haben wenig zu tun. Sorgen macht den Beamten lediglich ein Kriminalfall, der sich in der Nacht zu Mittwoch gegen fünf Uhr morgens ereignete. Ein unbekannter Täter zündete vor einem Elektronikfachmarkt im nahen Itzehoe einen gelben Sack unter einem Dachüberstand an, das Feuer griff auf das Gebäude über.
"Zum Glück wurde schon nach kurzer Zeit die Sprinkleranlage ausgelöst", sagt Polizeisprecher Michael Baudzus. Der Täter wurde zuvor von Zeugen gesehen und wie folgt beschrieben: männlich, 20-30 Jahre alt, schlank, lange, dunkle Haare, an den Seiten rasiert, schwarzer Mantel. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem Täter um einen Metalfan beziehungsweise Besucher des Wacken-Open-Air handelt", meint Baudzus. Raffiniert kombiniert!
Ansonsten überbieten sich Polizei, Feuerwehr und Ordnungskräfte mit Lob. Die Metaller seien "alle freundlich", bekräftigt ein Polizeisprecher und verweist auf die Bilanz des letzten Jahres, wo nur rund 120 Anzeigen aufgenommen wurden. Stress habe dieses Jahr allenfalls das Wetter gemacht. Mit einem tieffliegenden Hubschrauber musste das Festivalgelände trocken geföhnt werden, nachdem Aufbau-Helfer knöcheltief im Matsch eingesackt waren.
Nun erleben die rund 80.000 Festival-Besucher auf rund 500 Kubikmetern Schreddergut und 500 Ballen Stroh, wie der selbsternannte "Musik-Autist" Mambo-Kurt - wie bei jedem Konzert - seine Heimorgel schrottet, und bejubeln Metal-Veteranen wie "Napalm Death", "Black Dahlia Murder" oder "Grave Digger". Bis in den frühen Morgen tanzen die Metal-Jünger auf dem Campingplatz ums Lagerfeuer oder torkeln im Dröhn-Delirium zur Nachtruhe.
Schon in zwei Tagen rücken hunderte Wackener mit Müllbeuteln und Greifzangen an, um Felder und Wege in die Zivilisation zurück zu holen. Ende September veranstaltet der Gewerbeverein dann seinen traditionellen Herbstmarkt. Im Oktober trifft sich die Gemeinde zum Laternelaufen. Wer genau hinsieht, sieht sie vielleicht zittern, die Lämpchen. Die Erde bebt noch lang im norddeutschen Heavy-Metal-Land.
Quelle : www.spiegel.de